Hintergrund Gewässerbelastungen durch Arzneimittelwirkstoffe sind mittlerweile umfassend dokumentiert. Ebenso wurde in den vergangenen
Jahren immer häufiger auch über das vereinzelte Vorkommen spezifischer Wirkstoffe im Trinkwasser berichtet. Haupteintragspfade
für Humanpharmaka sind die menschlichen Ausscheidungen und die unsachgemäße Entsorgung von Altarzneimitteln über die häuslichen
Abwässer in die kommunalen Kläranlagen. Entsprechend dominieren bei der Diskussion um Strategien zur Eintragsreduktion bisher
eher verfahrenstechnische Lösungsansätze. Untersuchungen, welche Beiträge auch im Bereich des Umgangs mit Arzneimitteln geleistet
werden können, fehlen dagegen bisher weitgehend.
Ziel Die Verwendung von Arzneimitteln zum Zweck der Heilung, Linderung oder Vermeidung von Krankheiten ist für eine hohe Lebensqualität
unverzichtbar. Dennoch bestehen auch in den Bereichen Verschreibung, Gebrauch und Entsorgung von Arzneimitteln Handlungsoptionen,
die zu einer Reduktion des Eintrags von Wirkstoffen in den Wasserkreislauf beitragen können. Ziel der vorgestellten Studie
war die systematische Erfassung von Möglichkeiten, den Arzneimitteleinsatz ohne Qualitätsverlust bei Therapie und Prävention
umweltfreundlicher zu gestalten.
Material und Methoden Neben Literaturstudien zum Ver- und Gebrauch sowie zur Entsorgung von Arzneimitteln und zum Arzt-Patientenverhältnis dienten
qualitative sozialwissenschaftliche Interviews bzw. Gruppendiskussionen mit Ärztinnen und Ärzten und Apothekerinnen und Apothekern
dazu, Reaktionsmuster, Wissensstände und Möglichkeiten für ein verändertes Handeln zu explorieren. Weiterhin wurde eine bevölkerungsrepräsentative
Studie zum Arzneimittelentsorgungsverhalten bundesdeutscher Haushalte durchgeführt (über deren Ergebnisse in dieser Zeitschrift
bereits berichtet wurde).
Ergebnisse Unter Einbeziehung dieser Informationen und Daten wurden auf unterschiedlichen strategischen Ebenen Handlungsoptionen erarbeitet:
1. Maßnahmen zur Änderung umweltpolitischer Rahmenbedingungen (Etablierung des Umweltziels „Schutz der Gewässer vor Belastungen
mit Arzneimittelwirkstoffen“ und Umweltklassifikation von Arzneimitteln), 2. Kommunikationsmaßnahmen zur Schaffung eines Problembewusstseins
bei professionellen Akteuren sowie 3. Maßnahmen zur Unterstützung und Erleichterung von Verhaltensänderungen (bezogen auf
Arzneimittelgebrauch, Verschreibung, und Entsorgung).
Diskussion Bei der Mehrzahl der diskutierten Handlungsoptionen lässt sich ein Beitrag zur Reduktion des Eintrags von Arzneimittelwirkstoffen
in den Wasserkreislauf grundsätzlich nicht quantifizieren. Vielfach entstehen zunächst lediglich indirekte Wirkungen auf das
Verschreibungs- und Nutzungsverhalten bei Arzneimitteln (z. B. kommunikative Maßnahmen, Umweltziele, Bewusstseinsbildung).
Dennoch sind sie hinsichtlich einer Gesamtstrategie bedeutsam, da sie die Grundlage für einen veränderten Umgang mit Medikamenten
und damit die Voraussetzung für die Einführung direkt wirksamer Maßnahmen überhaupt erst schaffen. Wie das Beispiel Entsorgung
von Altarzneimitteln zeigt, verhindert jedoch das Fehlen wesentlicher Daten auch hier zumeist eine Quantifizierung der Wirksamkeit:
Welchen Beitrag Maßnahmen zur Vermeidung einer unsachgemäßen Entsorgung über die häuslichen Abwässer leisten können, lässt
sich angesichts fehlender Daten zu den jährlich in privaten Haushalten anfallenden Mengen an Altarzneimitteln gegenwärtig
nur grob abschätzen. Kosten für die diskutierten Handlungsoptionen entstehen überwiegend durch PR-Kampagnen sowie für Fort-
und Weiterbildungsprogramme.
Schlussfolgerungen und Ausblick Ein Teil der Maßnahmen ist kurzfristig umsetzbar und auch unmittelbar wirksam, z. B. eine einheitliche Regelung zur Arzneimittelentsorgung.
Andere Maßnahmen können in Zusammenhang mit ökonomisch ausgerichteten Änderungen des Gesundheitssystems gesehen werden, sodass
Synergieeffekte entstehen, die zugleich auch eine Verminderung des Eintrags von Arzneimittelwirkstoffen in das Abwasser zur
Folge haben (z. B. Gesundheitsprävention).
Background Residues of pharmaceuticals in the aquatic environment are meanwhile well documented. Also the knowledge of single occurrences
of specific pharmaceutical ingredients in drinking water is reported. The main paths of human pharmaceuticals into the water
cycle are by excretion and waste disposal of unused drugs to the sewage. Therefore the discussion about possible strategies
to reduce pollution is – up to now – dominated by chemical engineering solutions and pharmacologic research. Mainly missing
are studies focussing the contribution of handling and use of medicine in everyday practice.
Aim The use of pharmaceuticals for healing, palliation or prevention is indispensable for a high quality of life. Nevertheless
there exist potentials to reduce the pollution of the water cycle in the area of drug prescription, use and waste disposal.
Aim of the here presented study was the systematic compilation of possibilities towards a more environmental acceptable use
of pharmaceuticals without losing quality in health therapy and prevention.
Materials and methods Basis of the exploration was a literature review on consumption, use and waste disposal of pharmaceuticals in households
and on the doctor-patient interaction. A set of qualitative social-empirical in-depth-interviews and group discussions with
medical practitioners and pharmacists were then conducted to explore patterns of reactions, state of knowledge and possibilities
of modification of routines. Further a representative study on waste disposal behaviour in German households was conducted
(results were already reported in this journal).
Results Different information and data was included to develop strategic options: 1. Measures to change the environmental political
framework (codification of environmental aims), 2. Communication measures to enhance problem awareness within professional
groups as well as 3. Measures to support and ease change of behaviour referring to use, handling and waste disposal of medicines.
Discussion For most of the discussed options the potential to reduce pollution of the water cycle by pharmaceutical residues is not
quantifiable. Mostly there will be only indirect effects by the measures addressing prescription and handling of medicine
(e. g. communicative measures, environmental aims, awareness building). However, these measures carry high relevance in the
understanding of an overall strategy, because they are the basis of a changed handling with drugs and therefore the prerequisite
for introducing directly impacting measures. But the example of waste disposal of unused drugs shows: missing data implies
the non quantification of effectiveness of the measures. There is currently no data on annual amounts of unused drugs disposed
by private households, therefore the impact of measures in this context can only be estimated. The cost investments for the
developed strategic measures are resulting mainly of PR-campaigning and for professional training programmes.
Conclusion and perspectives Part of the measures can be introduced in short term perspective and is therefore already directly effective, e. g. the coherent
regulation of waste disposal of drugs. Other measures can be seen in the context of medium-term changes of the health care
system which are economically implied – so synergy effects can be enforced (e. g. health prevention).
Schlüsselwörter Arzneimittelwirkstoffe - Gesundheitssystem - Gewässerbelastung - Medikamentenentsorgung - Medikamentennutzung - Problembewusstsein - Umweltklassifikation - Umweltpolitik - Verhaltensänderung
Keywords Behavioural changes - Environmental classification - Environmental policy - Health care system - Medicine utilization - Pharmaceuticals - Problem awareness - Waste disposal of drugs - Water contamination