Hintergrund
Von verschiedenen Seiten wurde vermutet, dass durch die Einführung des Abrechnungssystems nach „diagnosis-related groups“
(DRG) Fehlanreize zur vorzeitigen Entlassung von Patienten aus Krankenhäusern geschaffen wurden („blutige Entlassung“). In
dieser Studie soll bei Schlaganfallpatienten aus den Jahren 2003 bis 2006 untersucht werden, ob eine Reduktion der Verweildauer
und eine Entlassung in schlechterem klinischem Zustand in Zusammenhang mit der DRG-Einführung aufgetreten ist. Es soll ferner
untersucht werden, ob die vorgenannten Größen durch eine Veränderung der Patientenkollektive und eine Verbesserung des Behandlungserfolgs
beeinflusst wurden.
Patienten und Methoden
In einer zentralen Datenbank wurden alle Schlaganfallpatienten der Jahre 2003 bis 2006, welche im Bundesland Hessen behandelt
wurden, mit der Schwere des Schlaganfalls, den Symptomen bei Aufnahme und Entlassung, der Verweildauer sowie der Behinderung
bei Entlassung aus der Akutklinik erfasst. Wir verglichen Verweildauer und Schwere der Behinderung bei Entlassung in den Jahren
2004 und 2006 mit dem Jahr 2003, also dem Jahr vor der Einführung der DRG. In einer logistischen Regression wurde der Effekt
der Behandlungsdauer, des Behandlungsjahres und der Schlaganfallschwere bei Aufnahme auf das Behandlungsergebnis bestimmt.
Ergebnisse
Im Beobachtungszeitraum wurden 37.396 Patienten mit Schlaganfall untersucht. Die Verweildauer sank im Beobachtungszeitraum
signifikant von 12,2 auf 10,4 Tage (p<0,001). Die Schwere der Schlaganfälle bei Aufnahme war im Beobachtungszeitraum abnehmend,
das Ausmaß der Behinderung bei Entlassung ebenfalls. Eine multivariate Analyse konnte einen signifikanten, aber geringen Einfluss
(Odds ratio [OR]: 1,020; 95%-Konfidenzintervall [KI]: 1,016–1,024) einer verlängerten Behandlungsdauer auf das Behandlungsergebnis
aufzeigen. Der Effekt des Behandlungsjahres (2003 im vgl. mit 2006) war mit einer OR von 1,378 (KI: 1,279–1,485) um ein Vielfaches
höher. Eine Subgruppenanalyse für Patienten mit schwerem Schlaganfall bei Aufnahme zeigte, dass auch in dieser Subgruppe die
Behandlungsdauer im Jahr 2006 gegenüber 2003 signifikant verkürzt war, dennoch kam es auch hier zu einer Verringerung des
Anteils der Patienten mit schwerer Behinderung bei Entlassung.
Schlussfolgerungen
Die vorliegenden Daten zeigen, dass es im Vergleichszeitraum tatsächlich zu einer Verkürzung der Liegedauer gekommen ist.
Durch multivariate Analyse konnten die Effekte der unterschiedlichen Fallschwere und der veränderten Behandlungsmöglichkeiten
im Laufe des Beobachtungszeitraums extrahiert werden. Die Verkürzung der Verweildauer aufgrund der veränderten Patientenpopulation
und aufgrund einer Verbesserung der Schlaganfallbehandlung im Laufe der Jahre 2003 bis 2006 hat nicht zu einer Zunahme des
Anteils schwer behinderter Patienten bei der Entlassung geführt, sodass die Einführung des DRG-Vergütungssystems nicht mit
einer Zunahme „blutiger Entlassungen“ verbunden war.
Background
It has been supposed that the introduction of a new inpatient reimbursement system starting in 2004 in Germany using the German
diagnosis-related groups (G-DRG) may lead to false incentives with encouragement of premature hospital discharge of patients.
Exploring a large database on stroke patients, we addressed the question whether length of stay (LOS) and discharge in more
severe condition were associated with the introduction of the G-DRG. We further examined other factors with probable effect
on LOS such as variations of patient characteristics and treatment during the observation period.
Patients and methods
All stroke patients treated in 2003–2006 in the German state of Hesse (6,100,000 inhabitants) were assessed with respect to
stroke severity, symptoms on admission and discharge, LOS and stroke-related deficits on discharge. We compared LOS and outcome
in 2003 (before introduction of the G-DRG) with 2004 when the G-DRG had recently been introduced and with 2006 when the G-DRG
was already well established in the clinical routine. The effects of LOS and treatment year on outcome were assessed using
a logistic regression model.
Results
During the observation period, we evaluated 37,396 stroke patients. The length of stay was reduced significantly from 12.2
to 10.4 days (p<0.001). Both severity of stroke on admission and outcome on discharge decreased during the observation period. A multivariate
analysis revealed a minor but significant association [odds ratio (OR): 1.020 per day of hospital treatment; 95% confidence
interval (CI): 1.016–1.024] of LOS on outcome. Treatment in 2006 compared to 2003 led to good outcome with an OR of 1.378
(95% CI: 1.279–1.485). Subgroup analysis limited to patients with severe stroke revealed that LOS was significantly lower
in 2006 compared to 2003 also in this patient subgroup; moreover, the proportion of patients discharged with severe outcome
was lower in 2006 compared to 2003.
Conclusions
This study reveals a significant reduction of LOS during the years after introduction of the G-DRG. However, reduction of
LOS was not associated with more severe outcome on discharge, possibly due to changes in stroke treatment implemented during
the observational period. Our results do not support the conjecture that changes in the reimbursement system were associated
with compromised patient care.
Schlüsselwörter Hirninfarkt - Fallpauschalen - DRG-System - Behandlungsergebnis - Begleitforschung
Keywords Stroke - Case-based lump sum - Diagnosis-related groups - Outcome - Secondary research