Der geriatrische Patient definiert sich über ein hohes spezifisches Risiko, dem das besondere geriatrische Behandlungskonzept
Rechnung trägt. Dieses Risiko besteht darin, bereits durch relativ banale zusätzliche Erkrankungen oder sonstige Veränderungen
im persönlichen Umfeld dauerhaft wesentliche Einbußen der bisherigen funktionellen Selbstständigkeit zu erleiden oder in Pflegeabhängigkeit
zu geraten bzw. diese zu vergrößern. Es resultiert aus den eingeschränkten Reservekapazitäten des geriatrischen Patienten.
Diese begründen sich im Wesentlichen in altersphysiologischen Einschränkungen von Organ- und Organsystemreserven und/oder
in bereits manifesten oder zumindest latenten Funktionsbeeinträchtigungen. Eine tendenziell enge, an diesem spezifischen Risiko
orientierte Definition des geriatrischen Patienten stellt eine essenzielle Voraussetzung für eine künftige systematische Integration
geriatrischer Versorgung im Gesundheitssystem dar. Die Alterskomponente allein kann in einer solchen Definition erst ab einem
sehr hohen Alter ausreichend sein.
Für die solchermaßen eng definierte Hochrisikogruppe geriatrischer Patienten ist dann allerdings auch das primäre medizinischgeriatrische
Casemangement zu fordern: von Beginn einer Behandlung an, über den gesamten Behandlungsverlauf, sektorenübergreifend von der
Kuration über die Rehabilitation bis zur Langzeitversorgung und in den ambulanten Bereich hinein. Dieses beinhaltet v. a.
eine am umfassenden geriatrischen Assessment und am geriatrischen Behandlungsfokus des weitgehenden Erhalts von Lebensqualität
und Selbstständigkeit ausgerichtete Behandlungspriorisierung, die medizinische Behandlungsführung inkl. eines systematischen
Riskmanangements, die kontinuierliche Patientenbegleitung auch bei zeitweilig anderem fachspezifischem Behandlungsschwerpunkt,
den individuellen Einsatz frührehabilitativer Behandlungsanteile und die Koordination weiterführender Behandlungsmaßnahmen.
Eine solche Positionierung der Geriatrie im Versorgungssystem erfordert als Kompetenzanforderungen an den Geriater neben spezifischen
Kenntnissen der Altersmedizin vor allem hohe, generalistische Behandlungsqualifikationen und geriatrisch rehabilitative Erfahrung.
Daneben fordert die Lotsen- und Begleitungsfunktion des Geriaters die Bereitschaft zur Übernahme besonderer medizinisch-ethischer
Verantwortung und ein hohes Maß integrativer und kommunikativer Fähigkeiten.
Diesen Anforderungen müssen die Aus-, Weiter- und Fortbildungsmöglichkeiten zum Erwerb geriatrischer Qualifikation genügen.
Nachhaltig wirksame geriatrische Versorgungskonzepte erfordern entsprechende Kompetenzen auch in der ambulanten primärärztlichen
Versorgung.
The geriatric patient is defined by a high specific risk that is taken into account by the special geriatric treatment concept.
This risk relates to suffering from the permanent and significant loss of earlier functional independence caused by relatively
trivial accessory conditions or other changes to the personal situation or falling in need of or increasing the need for care.
It results from the geriatric patient’s limited reserve capacities that are caused by physiological age-related limitations
of organ and organ system reserves and/or manifested or at least latent functional impairments. A rather narrow definition
of the geriatric patient based on this specific risk is a key criterion for the future systematic integration of geriatric
care into the health service. In such a definition, use of the age component alone is adequate only from a very old age on.
The high-risk group of geriatric patients narrowly defined in such a way also calls for primary medical geriatric case management:
from commencement of a treatment throughout its entire course, from therapy to rehabilitation to longterm and outpatient care.
This comprises first and foremost an comprehensive geriatric assessment and a treatment oriented primarily towards achieving
quality of life and independence, medical treatment control including a systematic risk management system, continuous patient
support, even in case of other temporary, specific treatments, the individual use of early rehabilitative treatments and the
coordination of secondary treatment initiatives.
Positioning geriatrics in the health care system in such a way means that the required skills extend beyond a general knowledge
of geriatric medicine. Above all, high generic treatment expertise and experience in geriatric rehabilitation are also needed.
Additionally, the guide and support function of the geriatrician demands a willingness to take special medical and ethical
responsibility and an abundant ability to integrate and communicate.
The education, training and development initiatives for attaining geriatric qualifications must satisfy these requirements.
Lasting efficient geriatric care concepts also call for the appropriate skills in primary medical outpatient care.
Schlüsselwörter Geriatrische Kompetenz - geriatrischer Patient - geriatrisches Behandlungskonzept - geriatrische Komplexbehandlung - medizinisch-geriatrisches Casemanagement - primärärztliche Versorgung - Versorgungsstrukturen - Geriatrie
Key words Geriatric skills - Geriatric patient - Geriatric treatment concept - Complex geriatric treatment - Medical geriatric case management - Primary medical care - Care structures - Geriatrics
This center is a common institution of the German Statutory Health Insurance (SHI), the Medical Review Board of the SHI and
the Medical Review Board of the central associations of the health funds.
Das Kompetenz-Centrum Geriatrie (KCG) ist eine gemeinschaftlich von den Spitzenverbänden der Gesetzlichen Krankenversicherung
sowie der Gemeinschaft der Medizinischen Dienste der Krankenversicherung und der Spitzenverbände getragene Kompetenzeinheit,
deren Aufgabengebiet schwerpunktmäßig in der Systemberatung der Träger im Hinblick auf Fragen geriatrischer Versorgung liegt.
Nähere Informationen finden sich auf der Homepage des Kompetenz-Centrums Geriatrie (KCG) unter www.kcgeriatrie.de. Der vorliegende
Beitrag stellt die Position des KCG dar. Diese muss nicht mit der Position der GKV oder der Medizinischen Dienste übereinstimmen.