Das Hermann-Gitter bietet eine optische Täuschung, bei der in einem Gittermuster die Kreuzungspunkte eine scheinbare Aufhellung
bzw. Verdunklung erfahren, die verschwindet, wenn man die Kreuzungspunkte fixiert. Schon vom Entdecker, Ludimar Hermann (1838–1914),
wurde die Täuschung als Hinweis auf Nachbarschaftswechselwirkungen in der Netzhaut interpretiert, und unter dem Stichwort
„laterale Hemmung“ erscheint die Täuschung in den meisten Physiologie-Lehrbüchern. Die vorliegende Arbeit fasst neueste Erkenntnisse
zusammen, die zeigen, dass die bisherige Interpretation der Täuschung zumindest unvollständig war. Im Jahre 2004 wurde eine
scheinbar belanglose Modifikation des Hermann-Gitters vorgestellt, eine leichte Welligkeit der Gitterlinien; dies bringt die
Helligkeitstäuschung zum Verschwinden. Im Jahr 2007 erschien eine überzeugendere Erklärung auf der Basis eines künstlichen
neuronalen Netzes, dem Helligkeitskonstanz „beigebracht“ worden war. (Unter Helligkeitskonstanz versteht man die dem Menschen
eigene Fähigkeit, Helligkeitsunterschiede im Interesse der Objekterkennung richtig zu deuten, unabhängig von der Beleuchtung.)
Nachdem das Netz diese Fähigkeit gelernt hatte, unterlag es „von alleine“ einer Reihe optischer Täuschungen, so auch der am
Hermann-Gitter. Eine Analyse der Kopplungskonstanten dieses künstlichen neuronalen Netzes könnte zu einem vollständigen Verständnis
dieser Täuschung führen.
The Hermann grid is an optical illusion in which the crossings of white grid lines appear darker than the grid lines outside
the crossings. The illusion disappears when one fixates the crossings. The discoverer, Ludimar Hermann (1838–1914), interpreted
the illusion as evidence for lateral connections in the retina. In most textbooks on sensory physiology and ophthalmology,
the Hermann grid illusion serves to illustrate “lateral inhibition.” This paper summarises new findings that show that the
classic explanation is incomplete. In 2004, a seemingly subtle modification, a small undulation of the grid lines, was shown
to demolish the illusion. In 2007, a more convincing explanation appeared: An artificial neural network was trained for “lightness
constancy”— the ability of our visual system to interpret luminance in the interest of object recognition, independent of
illumination. After having learned lightness constancy, the network was subjected to a number of lightness illusions, among
them the Hermann grid illusion. An analysis of the coupling constants of this neural network promises to further our understanding
of the Hermann grid illusion.
Schlüsselwörter Optische Täuschung - Laterale Hemmung - Helligkeitskonstanz - Physiologie - Psychophysik
Keywords Optical illusion - Lateral inhibition - Lightness constancy - Physiology - Psychophysics