Russische Vorstellungen von Europa — von Alexander Puschkin bis Feodor Dostojewski), von Maxim Gorky bis Alexander Solschenitsyn
in all ihrer Widersprüchlichkeit und Vielfältigkeit — sind Gegenstand der Untersuchung von mehreren wissenschaftlichen Abhandlungen
und publizistischen Werken. Es gilt jetzt als Selbstverständlichkeit, dass sich Russland sowohl geographisch als auch kulturhistorisch
als Land versteht, das einerseits zum europäischen Kulturkreis gehört, das sich andererseits aber auch als ein exzentrisches
Land, ein großes Grenzgebiet zwischen Europa und Asien, Eurasien und manchmal nur als Asien versteht. Welches Element in Russland
überwiegt — das europäische oder das asiatische, das westliche oder das östliche — darüber wird seit Jahrhunderten gestritten.
Die Aufgabe meines Beitrages ist eine viel bescheidenere. Dies ist ein Versuch, zu zeigen, wie der „normale“ oder „einfache“
Russe von heute Europas sieht und imaginiert. Es ist, wenn man es so sagen darf, die visuelle Darstellung dessen, was man
unkontrolliert und unzensiert in einem engen Kreis der Gleichgesinnten, „unter sich“, bespricht. Allerdings, werden diese
Vorstellungen nicht in Wörtern, sondern in Bildern vermittelt. Die Methode der kulturanthropologischen Diskursanalyse, die
hier angewendet wird, kann bestimmte Grundpositionen anschaulich, und weitere detaillierte Untersuchungen möglich machen (Pörksen 1997; Gusejnov 1999). In ihrem deskriptiven Teil kann diese Methode für eine Analyse politischer Prozesse nützlich sein.