Zusammenfassung
Holocaust-Überlebende, die nach 1945 Deutschland als ihren Wohnort wählten und dort Familien gründeten, haben oft ein ambi-valentes Verhältnis gegenüber Deutschland. Anhand des Fallbeispiels einer Holocaust-Familie, in der der Vater als Jude mit gefälschten Ausweispapieren in der deutschen Wehrmacht tätig war und die Mutter die Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen überlebte, wird der familiäre Umgang mit dieser Ambivalenz analysiert. Die ambivalenten Gefühle der ersten Generation gegenüber Deutschland werden gespalten und als geteilte Delegation auf die beiden Söhne tradiert. Ein Sohn erhält die Über-Ich-Delegation, nicht auf dem Massen-grab
zu leben", er wird jüdisch orthodox und emigriert nach Israel. Der zweite Sohn bekommt den verbotenen" Teil der Delegation, der auf der Es-Ebene liegt, er lebt gut integriert in Deutschland und wird zum Deutschen" der Familie. Die geteilte Delegation ist damit eine familiäre Bewältigungsstrategie und verkörpert einen Versuch von jüdischen Familien, mit der Ambivalenz zu leben. Das Phänomen der geteilten Delegation als familiäre Bewältigungsstrategie hat auch Relevanz für Therapien mit Flüchtlings- und Immigrantenfamilien bezüglich der Ambivalenz zwischen ihrem Gast- und Heimatland.
Summary
Holocaust survivors who chose to live in Germany after World War II and raised their families there often have an ambivalent relationship towards Germany. The following case example - in which the Jewish father fought with false identity papers in the German Wehrmacht and the mother managed to survive the concentration camps of Auschwitz and Bergen-Belsen - seeks to analyze the family's ambivalent behavior. The ambivalent feelings of the first generation toward Germany are divided and the parts delegated to both sons. One son receives the superego delegation "not to live on a mass grave," becomes an orthodox Jew and emigrates to Israel. The second son receives the "forbidden" or id-related part of the delegation, lives well integrated in German society and becomes the German" in the family. In this way, the split delegation becomes the family's coping strategy and embodies the family's attempt to live with the ambivalence. The phenomenon of split delegation as a coping strategy is also relevant for therapies with refugee and immigrant families concerning their ambivalence between their guest and home countries.